Anonyme Bewerber haben schlechte Karten
Auf dem Arbeitsmarkt prallt die Kultur der Offenheit auf die der Anonymität: Während die Antidiskriminierungsstelle des Bundes anonymisierte Bewerbungen testet, stehen die persönlichen Details einer ganzen Bewerber-Generation längst im Netz.
Was persönliche Informationen angeht, sind anonymisierte Bewerbungen praktisch ein weißes Blatt Papier: keine Fotos, keine Angaben zu Alter, Familienstand oder Geschlecht. Sogar seinen Namen verschweigt der Bewerber zunächst. In Deutschland läuft gerade ein Pilotprojekt, bei dem wenige große Unternehmen - wie Deutsche Post, Deutsche Telekom oder L´Oréal - die anonymisierte Personalrekrutierung testen. In den USA und in Großbritannien gehört diese Bewerbungsform schon zum Standard. In Deutschland haben Bewerber, die mit persönlichen Informationen geizen, noch schlechte Chancen.
"Die anonymisierten Bewerbungen sind eine Sackgasse. Sie stehen im krassen Widerspruch zu der Kultur der Offenheit und dem Ende der Privatsphäre, wie sie sich im Augenblick im Internet abzeichnet", erklärt Maximilian Nobis vom IT-Personaldienstleister Harvey Nash.
Gleichbehandlung erzwingen
Dabei ist der Gedanke hinter der anonymen Bewerbung gar kein schlechter: Jeder Mensch soll aufgrund seiner Qualifikationen den ausgeschriebenen Job bekommen können - und nicht etwa aufgrund von Vorurteilen bereits im Vorfeld aussortiert werden.
"Bei Bewerbungen haben Frauen mit Kindern, ältere Menschen oder Bewerber mit ausländisch klingenden Namen deutlich schlechtere Chancen als andere", sagt die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, und verweist auf entsprechende Studien des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Universität Konstanz.
Außerhalb des Pilotprojekts haben anonymisierte Bewerbungen zurzeit aber einen schlechten Stand: "Wer sich bereits jetzt anonymisiert bewirbt, der hätte effektiv einen Nachteil. Jeder Personalverantwortliche schaut zuerst aufs Bild - und wenn dort ein schwarzes Loch ist, wirkt das nicht sonderlich attraktiv", sagt Nobis.
In der IT-Branche herrscht Fachkräftemangel und viele Bewerber kommen aus Ländern, in denen andere Bewerbungsstandards gelten. Immer wieder bekommt Experte Nobis Rückfragen von Unternehmen, für die er nach Personal gesucht hat. Das Problem: Aus klassischer Sicht ist die anonyme Bewerbung für Personaler lediglich eine unvollständige.
Offenheit kontra Anonymität
So entsteht ein Kontrast zwischen der Kultur der Offenheit und der Anonymität: Bei den anonymisierten Bewerbungen fehlt das Portrait-Foto - gleichzeitig stellen die Bewerber aber ihre privaten Feier-Fotos ins Netz. In den Unterlagen steht kein Geburtsdatum - auf der Pinnwand im sozialen Netzwerk gratulieren die Freunde aber zum runden Geburtstag. Der Lebenslauf weist nur rudimentär auf die beruflichen Stationen hin - bei Jobbörsen wie Xing oder Stepstone sind sie dafür komplett hinterlegt. Bei Bedarf sind Lebenslauf und private Daten so in wenigen Minuten zusammengetragen.
Nutzen umstritten
"Selbst wenn der Name zunächst nicht bekannt ist, spätestens beim Bewerbungsgespräch gibt sich der Bewerber zu erkennen. Danach wird umso mehr im Internet gesucht, um die restlichen Daten zu vervollständigen und sich ein Gesamtbild zu machen. Das Bewerbungsgespräch rückt möglicherweise völlig in den Hintergrund", sagt Nobis.
Außerdem setze sich gerade in großen Konzernen zunehmend das Prinzip des "Diversity Management" durch, so der Personalexperte. Der Diskriminierungsschutz der anonymen Bewerbungen ist damit stellenweise hinfällig: "International aufgestellte Unternehmen sind darauf angewiesen, dass sie eine heterogene Mitarbeiterschaft im Rücken haben. Man braucht alte wie junge Kollegen, die aus aller Herren Länder kommen. Dafür braucht man keine bürokratischen Regelungen." pte/ SZ
Externe Links:
Pilotprojekt zur anonymisierten Bewerbung
Homepage des Bonner Institus zur Zukunft der Arbeit
Homepage der Universität Konstanz


