Wirtschaftsprüfer im Preiskampf
Seit rund achtzig Jahren schreibt das Aktienrecht vor, dass Aktiengesellschaften ihre Abschlüsse prüfen lassen müssen. In Deutschland dominieren vier große Wirtschaftsprüfungsgesellschaften den Wettbewerb um diese Aufträge - und bestimmen mit ihrer Marktmacht die Preise.
Für Aktiengesellschaften (AGs) ist die Prüfung ihrer Jahresabschlüsse durch Dritte gesetzliche Pflicht. Aus gutem Grunde: Sind für Aktionäre unabhängige und sorgfältige Prüfungen doch eine wichtige Entscheidungshilfe bei geplanten Investitionen. Zahlreiche Wirtschaftsprüfungsgesellschaften konkurrieren um diese Aufträge. Ob dieser Wettbewerb noch ausreichend funktioniert, wird in Fachkreisen heftig diskutiert. Eine Studie der Universität Tübingen zeigt nun: In Deutschland nimmt die Marktmacht der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PricewaterhouseCoopers (PwC)) zu. Dies geht zulasten kleinerer Wettbewerber - der Kunde hingegen profitiert.
Flexible Honorargestaltung
Andreas Wild vom Lehrstuhl für internationale Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung der Universität Tübingen hat die Einflussfaktoren der deutschen Prüferhonorare erstmals auf der Basis der einzelnen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften analysiert. Ebenfalls zum ersten Mal hat Wild untersucht, ob die einzelnen der „Großen Vier“ der Branche in Deutschland so genanntes „Fee Cutting“ betreiben, das heißt, ob sie dank ihrer Marktmacht eine Honorargestaltung praktizieren können, welche ihnen Vorteile gegenüber kleineren Konkurrenten verschafft. Und dies ist tatsächlich der Fall, sagt Wild: „Fee Cutting tritt auf, wenn ein Prüferwechsel zu einem 'Big-Four-Abschlussprüfer' erfolgt.“
Honorare bleiben teils unter den Kosten
Die Weltmarktführer Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PricewaterhouseCoopers (PwC), oft die „Big Four“ oder die „Großen Vier“ genannt, bieten Kunden, die zu ihnen wechseln, besonders niedrige Eingangshonorare an, die unter den Sätzen für Folgeprüfungen liegen (Fee Cutting). Für kleinere Gesellschaften ist diese Strategie nicht nachweisbar, weil sie es sich offenbar nicht leisten können. Möglich wäre sogar, dass die Prüfer im harten Preiskampf bei den Honoraren unter ihren Kosten bleiben; diese Praxis wird „Low Balling“ genannt. Oft wird nämlich der Abschluss eines Prüfauftrags nur als Einstieg in den Verkauf lukrativer Beratungsdienstleistungen genutzt. Wild muss aber offen lassen, ob Prüfungen tatsächlich unter den Kosten verkauft werden. Eine solche Praxis lässt sich nicht nachweisen, da die Prüfungsgesellschaften ihre Kosten nicht veröffentlichen müssen.
Nur PwC ist teurer
Die Prüfungshonorare hingegen sind öffentlich. Seit 2005 schreibt das Handelsgesetzbuch vor, dass Unternehmen, die an einem organisierten Markt teilnehmen, diese Honorare im Anhang des Jahresabschlusses bzw. im Konzernabschluss angeben müssen. Wild ist deshalb auch der Frage nachgegangen, ob die Großen Vier dank ihrer Marktmacht generell höhere Prüfhonorare verlangen können. Das ist aber nicht der Fall - mit einer Ausnahme, so Wild: „Eine Honorarprämie kann nur für PwC nachgewiesen werden.“ Unter sonst gleichen Bedingungen kann PwC also ein höheres Honorar verlangen als die Konkurrenten.
Andreas Wild zieht das Fazit: „Die Ergebnisse der Untersuchung deuten auf eine weitere Konzentration auf dem Markt für Abschlussprüfungen kapitalmarktorientierter Unternehmen hin. Der große Wettbewerb auf dem Markt für Erstprüfungen führt zu einer Verdrängung kleinerer Wirtschaftsprüfer, die kein Fee Cutting betreiben.“
Zur Studie
Analysiert wurden Daten dreier Geschäftsjahre aus dem Zeitraum 2005 bis 2008 von 364 Unternehmen mit Sitz in Deutschland, die mit Beginn des Jahres 2008 im sogenannten Prime Standard der Deutschen Börse AG gelistet waren. Die Daten - die Bilanzsumme des geprüften Unternehmens, die Zahl der Tochterunternehmen und verschiedene Bilanzkennzahlen als Maß für die Größe und die Komplexität des Prüfauftrags, und natürlich die Prüferhonorare - entstammen Wirtschaftsdatenbanken sowie den Geschäftsberichten der Unternehmen. Es kam eine Stichprobe von 892 Datensätzen zusammen. MB MB
Externe Links:
Lehrstuhl für internationale Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung der Universität Tübingen


