Entgelte 2010: Erstes reales Wachstum seit sechs Jahren
Die Tariflöhne und -gehälter in Deutschland sind 2010 im Durchschnitt um 1,8 Prozent gestiegen. Da sich die Verbraucherpreise um 1,1 Prozent erhöht haben, ergibt sich daraus ein realer Anstieg der Tarif-Entgelte um 0,7 Prozent. Erstmals nach sechs Jahren sind zudem die realen Brutto-Entgelte gestiegen.
Diese Zahlen ergeben sich aus der Bilanz zur Tarifpolitik des Jahres 2010, die das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung nun vorgelegt hat. Positiv beeinflusst wird die Tarifsteigerung im Jahr 2010 durch die länger laufenden Abschlüsse aus 2009. Die sich daraus ergebende Tarifanhebung für 2010 beläuft sich auf 2,3 Prozent, die Neuabschlüsse des Jahres 2010 ergeben lediglich 1,3 Prozent. Im Mittel errechnen sich daraus die genannten 1,8 Prozent.
Krise dämpfte Lohnentwicklung
Am höchsten fiel die jahresbezogene Tarifsteigerung mit 2,9 Prozent im Bereich Energie- und Wasserversorgung, Bergbau aus, gefolgt vom Handel mit 2,5 Prozent, dem Baugewerbe sowie dem Nahrungs- und Genussmittelgewerbe mit 2,4 Prozent und dem Bereich Verkehr und Nachrichtenübermittlung mit 2,3 Prozent. Genau im Durchschnitt lagen das Verbrauchsgütergewerbe sowie Kreditinstitute, Versicherungsgewerbe mit je 1,8 Prozent, geringer fielen die Tarifsteigerungen im Investitionsgütergewerbe mit einem Prozent und im Bereich Gebietskörperschaften, Sozialversicherung mit 0,9 Prozent aus.
In Ostdeutschland lag die kalenderjährliche Erhöhung mit zwei Prozent etwas höher als in Westdeutschland mit 1,7 Prozent. „In Wirtschaftszweigen mit geringen Tarifsteigerungen ergibt sich ein reales Minus“, sagt Reinhard Bispinck, Leiter des WSI-Tarifarchivs. „Dies ist ein Resultat der Krise. Sie dämpfte die Lohnentwicklung, in vielen Tarifrunden hatte zudem die Sicherung von Arbeitsplätzen oberste Priorität.“
Es wird wieder länger gearbeitet
Bei den effektiven Bruttoeinkommen sieht die Entwicklung etwas besser aus: Je Arbeitnehmer sind sie im vergangenen Jahr nominal um 2,2 Prozent gestiegen, preisbereinigt um 1,1 Prozent. Erstmals nach sechs Jahren des fortgesetzten effektiven Reallohnverlustes ergibt sich ein reales Plus. Als Ursache dafür nennt das WSI im Wesentlichen den starken Rückgang der Kurzarbeit und die damit verbundene Verlängerung der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit im vergangenen Jahr, die zu einer entsprechenden Normalisierung auch bei den effektiv gezahlten Löhnen und Gehältern führte.
Leichtes Spiel für Gewerkschaften?
In diesem Jahr stehen neben den Verhandlungen im öffentlichen Dienst auf Landesebene auch Tarifrunden in den Branchen chemische Industrie, Bauhauptgewerbe, Versicherungen, Druckindustrie, Einzel- und Großhandel sowie zahlreichen kleineren Wirtschaftszweigen an. Verhandelt wird auch bei großen Unternehmen wie Volkswagen, der Deutschen Telekom und der Deutschen Bahn. Die vorliegenden Tarifforderungen bewegen sich zwischen fünf und sieben Prozent.
Die Ausgangssituation für die Tarifrunde 2011 ist für die Gewerkschaften nach Auffassung des Tarifexperten Reinhard Bispinck günstiger als im Vorjahr, denn für dieses Jahr sei mit einer Fortsetzung des wirtschaftlichen Erholungsprozesses zu rechnen. „Das macht die Durchsetzung spürbarer realer Tarifanhebungen leichter. Die Gewerkschaften können dabei an Abschlüssen wie zum Beispiel in der Stahlindustrie anknüpfen, die bereits höhere Tarifsteigerungen beinhalteten als in der unmittelbaren Krisenphase.“
Abschlüsse für 8,8 Millionen Beschäftigte untersucht
Insgesamt schlossen die DGB-Gewerkschaften in Deutschland im vergangenen Jahr Lohn- und Gehaltstarifverträge für rund 8,8 Millionen Beschäftigte ab, darunter etwa 7,5 Millionen in den alten und 1,3 Millionen in den neuen Bundesländern. Für rund 78 Prozent dieser Beschäftigten gab es Tarifabschlüsse mit verzögerter Anpassung der Lohn- und Gehaltserhöhungen. Als Ausgleich vereinbarten die Gewerkschaften für knapp 60 Prozent der davon betroffenen Beschäftigten Pauschalzahlungen. Diese betrugen durchschnittlich 38 Euro (West: 38 Euro, Ost: 42 Euro) im Monat. Für weitere 7,5 Millionen Beschäftigte traten im Jahr 2010 Erhöhungen in Kraft, die bereits 2009 oder früher vereinbart worden waren. Die Laufzeit der Verträge beträgt durchschnittlich 24,3 Monate. MB
Externe Links:
Homepage des WSI-Tarifsarchiv in der Hans-Böckler-Stiftung


