Rohstoffknappheit: Deutsche Wirtschaft ohne Notfallstrategie
Handel und Industrie müssen Wertschöpfungskette überdenken
Der Hunger der Weltwirtschaft nach Rohstoffen wächst und wächst. Doch das Angebot etwa an bestimmten Metallen und nachwachsenden Rohstoffen für die Nahrungs- und Futtermittelproduktion ist begrenzt. Auf Verteuerungen und Engpässe sind jedoch nur die wenigsten Unternehmen vorbereitet. Die Risiken werden ausgeblendet.
Faktoren wie das globale Bevölkerungswachstum, der wachsende Wohlstand in den Schwellenländern und die zunehmende Energieerzeugung aus Biomasse lassen die Nachfrage nach Rohstoffen aller Art stetig steigen. Doch das Rohstoffangebot lässt sich nur begrenzt ausweiten und die Spekulationen an den Rohstoffmärkten werden heftiger. Diese Entwicklung bekommen auch der Handel und die Konsumgüterindustrie in Deutschland zu spüren.
Höhere Kosten und Versorgungsengpässe
80 Prozent der deutschen Unternehmen erwarten deshalb Preissteigerungen beim Einkauf von Rohstoffen. Dies ist ein Ergebnis einer Umfrage der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Über 40 Prozent rechnen in den kommenden fünf Jahren mit häufigeren Versorgungsengpässen als bisher. „Obwohl sich die Unternehmen der Problematik bewusst sind, gibt es in der Praxis noch erhebliche Schwächen beim Management der Versorgungsrisiken. So werden Risiken häufig nicht systematisch erfasst und analysiert, sondern eher auf Basis von Erfahrungswerten Einzelner bewertet. Zudem fehlt oft eine Notfallstrategie für den unerwarteten Ausfall wichtiger Lieferanten“, sagt Gerd Bovensiepen, Leiter des Bereichs Retail and Consumer bei PwC.
Für die Studie wurden 89 Unternehmen in Deutschland befragt, darunter 42 aus der Konsumgüterbranche und 41 Handelsunternehmen. Eine besonders hohe Beteiligung zeigte die Lebensmittel und Bekleidungsbranche.
Marktverzerrungen durch Spekulationen
Knapp 30 Prozent der befragten Unternehmen gehen davon aus, dass die Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten in den kommenden Jahren insgesamt schwieriger wird. Davon sehen 40 Prozent in Marktverzerrungen durch Spekulationen an den Rohstoffmärkten ein besonderes Risiko. Ebenso viele fürchten, dass Teile des Rohstoffhandels unter die Kontrolle weniger global agierender Konzerne geraten und Monopole oder zumindest Oligopole mit entsprechender Marktmacht entstehen könnten.
„Versorgungsengpässe bei Rohstoffen führen bereits heute zu einer tiefgreifenden Veränderung der Wertschöpfungskette im Handel und in der Konsumgüterindustrie. Groß- und Zwischenhändler werden weiter unter Druck geraten und müssen ihr Geschäftsmodell dringend überdenken“, sagt Bovensiepen.
Gute Beziehungen pflegen
Handelsunternehmen als auch Konsumgüterhersteller sollten deshalb auf die Etablierung langfristiger Beziehungen zu den Rohstoffproduzenten setzen. Ein wichtiges Instrument zur Lieferantenbindung ist die gemeinsame Durchführung von Nachhaltigkeitsprojekten. Diese Projekte werden vor allem für die Sicherung bestimmter Rohstoffqualitäten wie zum Beispiel Bioprodukten weiter an Bedeutung gewinnen.
Abhängigkeiten vermeiden
Doch der angemessene Umgang mit Versorgungsrisiken setzt voraus, dass diese überhaupt bekannt sind. Von den befragten Unternehmen schätzen aber nur 40 Prozent den eigenen Wissensstand zum Thema als gut oder sehr gut ein, während 27 Prozent ihre Kenntnisse als gering oder sogar sehr gering bezeichnen. Die Handelsunternehmen schätzen sich dabei deutlich schlechter ein als die Konsumgüterhersteller.
Eine Betrachtung der gesamten Liefer- und Wertschöpfungskette bleibt bisher die Ausnahme. Tatsächlich stehen bei der Risikoanalyse vor allem die direkten Lieferantenbeziehungen im Vordergrund. Diese sollte regelmäßig auf Wirtschaftlichkeit überprüft werden, außerdem sollte eine zu starke Abhängigkeit von einem Einzellieferanten vermieden werden.
Keinen Plan für den Notfall
Für ein effizientes Management der Versorgungsrisiken fehlen in vielen Unternehmen geeignete Strukturen und Methoden. So haben drei von vier Befragten weder eine eigene Abteilung zur Erfassung von Versorgungsrisiken noch eine Unterabteilung im allgemeinen Risikomanagement. Stattdessen vertrauen knapp zwei Drittel der Unternehmen auf die persönliche Risikoeinschätzung von Mitarbeitern und Führungskräften. Nur jedes fünfte Unternehmen hat einen konkreten Notfallplan für unvorhergesehene Versorgungsengpässe. MB


