Anonymisierte Bewerbungen: Modellversuch startet im Herbst

Diskriminierung bei der Mitarbeiterauswahl schadet Bewerbern und Unternehmen

Anonyme Bewerbung
Welche Persönlichkeit hat ein Bewerber? Diese Frage lässt sich mit anonymisierten Bewerbungsverfahren erstmal nicht beantworten. (Emin Ozkan©Fotolia.de)

Im Herbst dieses Jahres starten fünf Großunternehmen in Deutschland ein gemeinsames Großprojekt: Ein Jahr lang werden sie nur anonymisierte Bewerbungsverfahren durchführen. Die Qualifikation des Bewerbers soll den Ausschlag geben, nicht etwa das Alter, das Geschlecht oder die Herkunft.

Initiiert wurde das anonymisierte Bewerbungsverfahren von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Anlass ist die Tatsache, dass viele Menschen trotz hoher Qualifizierung nicht zum Bewerbungsgespräch eingeladen werden. Ursache ist häufig eine Diskriminierung des Bewerbers. Eine beim Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) erschienene Studie der Universität Konstanz belegt, dass allein die Angabe eines ausländisch klingenden Nachnamens die Bewerbungschancen erkennbar verringert. Bei einem türkischen Namen sank die Chance auf ein Vorstellungsgespräch um 14 Prozent, in kleineren Unternehmen sogar um 24 Prozent.

Mehr Gerechtigkeit für Bewerber

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, stellt fest: "Bei Bewerbungen haben Frauen mit Kindern, ältere Menschen oder Bewerber mit ausländisch klingenden Namen deutlich schlechtere Chancen als andere." Die ADS glaubt, dass anonymisierte Bewerbungsverfahren in der Privatwirtschaft die Gerechtigkeit bei der Bewerberauswahl erhöhen können. Bewerber überzeugen in einem ersten Schritt durch ihre Qualifikation und erhalten so die Möglichkeit, sich in einem persönlichen Gespräch zu beweisen.

Unternehmen können profitieren

"Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt ist auch weiterhin ein verbreitetes Phänomen von erheblichem Ausmaß. Es handelt sich dabei nicht nur um ein gesellschaftspolitisches, sondern auch um ein gesamtwirtschaftliches Kernproblem", sagt IZA-Direktor Klaus Zimmermann. "Letztlich können Unternehmen nur davon profitieren, wenn sie offene Stellen mit den fähigsten Personen besetzen - unabhängig von etwaigen Vorlieben oder Vorurteilen der Personalverantwortlichen." Diskriminierung bedeute einen Verzicht auf wirtschaftliche Effizienz: "Gerade in Deutschland müssen wir unsere personellen Ressourcen vor dem Hintergrund des wachsenden Fachkräftebedarfs künftig besser ausschöpfen. Anonymisierte Bewerbungsverfahren können dabei helfen, Diskriminierung zumindest in der ersten Stufe des Bewerbungsprozesses zu reduzieren."

Fähigkeiten und Kompetenzen im Fokus

Am Pilotprojekt der ADS werden sich fünf Unternehmen sowie das Bundesfamilienministerium beteiligen. Bei den Firmen handelt es sich um die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, das Kosmetikunternehmen L´Oréal, den Erlebnisgeschenkdienstleister MYDAYS und den Konsumgüterkonzern Procter & Gamble . Wie ADS-Leiterin Christine Lüders bekannt gab, werden die beteiligten Unternehmen ein Jahr lang Bewerbungen ohne Foto, Name, Alter, Geschlecht, Nationalität, Geburtsort, Familienstand und Angabe einer etwaigen Behinderung testen. Bei anonymisierten Lebensläufen stehen ausschließlich Fähigkeiten und Kompetenzen des Bewerbers im Mittelpunkt.

Wirtschaft kritisiert hohe Kosten

Die beteiligten Wissenschaftler des IZA empfehlen unter anderem, ein standardisiertes Bewerbungsformular zu entwerfen, um den Zeitaufwand für das Anonymisieren herkömmlicher Bewerbungen möglichst gering zu halten. Das Formular soll nur Informationen zu den relevanten Qualifikationen enthalten und den Bewerbenden auf geeignete Weise zur Verfügung gestellt werden. Bei Online-Bewerbungen reicht eine entsprechende Anpassung der Eingabemaske aus.

Kritik am Projekt übten die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sowie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Die Pläne seien in der Praxis schwer umsetzbar und würden Stellenbesetzungen wesentlich aufwändiger und damit teurer machen. Auch seine Angaben wie Alter und Geschlecht für die Vergabe vieler Jobs von entscheidender Bedeutung. MB

Links:

Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Kurfassung der Studie "Anonymisierte Bewerbungsverfahren" (PDF-Download)





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