Beschäftigte bleiben 10,8 Jahre im Unternehmen
Sorge vor einem „Turbo-Arbeitsmarkt“ ist unbegründet
Viele Arbeitnehmer blicken mit Sorge in ihre berufliche Zukunft: Die Bindung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber scheint lockerer zu werden, Unternehmen arbeiten zunehmend mit Zeitverträgen und Leiharbeitern. Langfristige Arbeitsverträge haben Seltenheitswert. Objektiv betrachtet nimmt die Fluktuation auf dem Arbeitsmarkt allerdings nicht zu.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ist der Frage nachgegangen, ob sich in den vergangenen 20 Jahren die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt in Bezug auf die Beschäftigungsdauer verändert haben. Anlass ist die laut IAB in Deutschland weitverbreitete Annahme, dass die Beschäftigungssicherheit kontinuierlich sinke, die Fluktuation im Arbeitsmarkt also steige. Die allgemeine Entwicklung gehe in Richtung „Turbo-Arbeitsmarkt“, Arbeitnehmer müssten sich demnach auf kürzere Betriebszugehörigkeiten einstellen.
Konstant lange im Unternehmen
Aus statistischer Sicht sind die Sorgen der Arbeitnehmer allerdings unbegründet. Dem IAB zufolge beträgt die durchschnittliche Dauer der Betriebszugehörigkeit von Arbeitnehmern in Deutschland 10,8 Jahre. Zum Vergleich: 1992 lag sie bei 10,3 Jahren. Der Wert ist seit fast 20 Jahren also nahezu unverändert.
Ab 1993 sank zwar die durchschnittliche Beschäftigungsdauer infolge der Arbeitsmarktkrise in den neuen Bundesländern vorübergehend knapp unter zehn Jahre, seit 2001 liegt sie aber wieder über zehn Jahren. Auch bei der gesamtwirtschaftlichen Arbeitskräftefluktuation zeichne sich in Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern keine Beschleunigung ab, zeigt Thomas Rhein: „Von einem allgemeinen Trend hin zum Turbo-Arbeitsmarkt kann demnach nicht gesprochen werden“.
Das Bild könne sich aber ändern, wenn bei einer zukünftigen Untersuchung die Langzeiterfahrungen mit Leiharbeitern hinzugezogen würden. Die Zahl der Leiharbeitnehmer hat seit 2002 stark zugenommen. Die Auswirkungen dieses Beschäftigungsmodells auf die durschnittliche Betriebszugehörigkeit ließen sich heute aber noch nicht beziffern.
Arbeitnehmer sind dennoch verunsichert
Das IAB liefert mögliche Erklärungen für das offenbar falsche Empfinden der Angestellten. Die Beschäftigten seien verunsichert worden, etwa durch die Arbeitsmarktreformen, die Weltwirtschaftskrise sowie in deren Folge durch die breitflächige Einführung von Beschäftigungsmaßnahmen wie der Kurzarbeit. Eine weitere Ursache mag sein, dass langfristige verlässliche Bindungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer seltener werden.
Der Anteil derjenigen, die über Zeitverträge beschäftigt sind, wächst - und ein befristet Beschäftigter nimmt seine Situation fast zwangsläufig als unsicher wahr, selbst wenn sein Vertrag längerfristig ist oder wiederholt erneuert wird. Der Anteil der befristet Beschäftigten hat sich seit 1992 mehr als verdoppelt, er liegt heute bei knapp zehn Prozent.
Im Vergleich wenig Fluktuation
Die IAB-Studie analysiert auch die Entwicklung in anderen europäischen Ländern, darunter Großbritannien, Dänemark, Frankreich und Italien. Mit Ausnahme Dänemarks ist nirgendwo ein Abwärtstrend bei der Beschäftigungsdauer zu erkennen. In den beiden Ländern mit stark dereguliertem Arbeitsmarkt - Großbritannien und Dänemark - liegt sie mit 8,2 bzw. 7,3 Jahren aber deutlich niedriger als in Deutschland, in Frankreich und Italien ist die durschnittliche Beschäftigungsdauer mit 11,5 und 11,2 Jahren dagegen am höchsten. MB
Links:
IAB-Studie „Ist Europa auf dem Weg zum Turbo-Arbeitsmarkt? (PDF-Download)


