Manager können auf Bauchgefühl vertrauen
Experte rät zum Ignorieren der Informationsflut
Jeder weiß es, doch kaum einer gibt es zu: Ein Großteil der Entscheidungen in Unternehmen wird nicht allein aufgrund objektiver Informationen, sondern aus einem subjektiven Bauchgefühl heraus getroffen. Allgemein gilt das Vertrauen in Intuition als fehlerhaft, irrational und nicht zielführend - doch das offenbar zu Unrecht, meint ein Bildungsforscher.
Im unternehmerischen Alltag sieht es Bernd Gigerenzer, Direktor des Berliner Max Planck Instituts für Bildungsforschung, zufolge so aus: Rund die Hälfte aller Bewertungen und Entscheidungen basiert auf dem Bauchgefühl der Manager. Weil intuitives Handeln in der Geschäftswelt aber als verpönt gilt, werden Beschlüsse im Nachhinein oft noch durch rationale Berechnungen belegt. „Dadurch entsteht ein massiver Schaden an Geld und Zeit“, sagt Gigerenzer. Den Aufwand kann man sich dem Experten zufolge sparen.
Denn mithilfe schneller heuristischer Prozesse werden oft bessere Entscheidungen getroffen als mit komplexen statistischen Verfahren. Als Heuristik werden Methoden bezeichnet, mit denen man trotz begrenztem Wissen und wenig Zeit zu guten Lösungen kommt. Gigerenzer nennt ein Beispiel: Bei der Entscheidung über Geldanlagen gilt es ein hohes Maß an Unvorhersagbarkeit, etwa bezüglich der Fonds-Entwicklung, zu berücksichtigen. Mittels einfacher Heuristik - das Geld wird etwa gleichmäßig auf verschiedene Fonds verteilt - lässt sich langfristig mehr Geld machen, als mit ausgeklügelten Portfoliotheorien, die etwa das Verhalten von Investoren vorhersagen, wie das „Mean-Variance-Model“ des Nobelpreis-gekürten Ökonoms Harry Markowitz. Der, so Gigerenzer, habe in puncto Geldanlage übrigens trotz aller Wissenschaft auch lieber auf sein Bauchgefühl gehört.
Informationen einfach ignorieren
Intuition ist dem Experten zufolge gefühltes Wissen, das rasch im Bewusstsein ist und das Verhalten steuert. Das Ganze geschieht aber unbewusst. Entscheidend für den Erfolg des Bauchgefühls sei das bewusste Ignorieren von Information. So setzen Sportler beim Fangen eines Balls auf die sogenannte Blickheuristik; sie konzentrieren sich nur auf den Blickwinkel, ignorieren aber alle Informationen, die für die Berechnung einer Flugbahn eigentlich notwendig wären, wie Windgeschwindigkeit oder Drall des Balls. Auf die Wirtschaft übertragen könnte das heißen: Es ist gar nicht notwendig, alle verfügbaren Informationen in die Entscheidungsfindung einzubeziehen, man braucht nur die wirklich wichtigen.
Fehlerkultur statt defensives Entscheiden
„Es gibt viele Gründe, auf das Bauchgefühl zu vertrauen“, sagt Gigerenzer. Dabei gehe es aber um ein gesundes Minimum an guter Information. Zu wenig Information sei auch nicht gut. Wenn jemand allerdings Expertise habe, sei es für ihn besser, nicht lange nachzudenken. Eine schnelle Entscheidungsfindung habe zudem den Vorteil, dass keine Kosten für die nachträgliche Absicherung anfallen, so Gigerenzer. Der Forscher fordert mehr „Mut zu Bauchentscheidungen“. Dazu gehören auch die Hinwendung zu einer Fehlerkultur und eine Abkehr vom defensiven Entscheiden. pte/ MB
Externe Links:
Gerd Gigerenzer, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Infos zur Portfoliotheorie auf Wikipedia.de


